Ich bin der Tod

So wie in seinem Lumpensack ein Lumpensammler Lumpen sammelt,
so wie in seinem Leichensack ein Leichensammler Leichen sammelt,
so sammle ich in meinem Seelensack die Seelen ein.

Wenn ich Seelen stehlen gehe,
kanns geschehen, ich gestehe,
dass ich fünf, sechs Seelen zähle,
und nicht sehn will, was ich sehe,
wirklich denke: wie ichs drehe –
nee, du, lass mal, nee du lass mal, nee, du lass mal,
schließlich einfach weitergehe,
erst die siebte Seele wähle.
Die pack ich dann zack zack
hinein in meinen Seelensack.
Die andern lass ich ihrer Not.
Nicht jeder Mensch verdient den Tod.
Ich brauch nicht jedes Seelenwrack.
Ja, ich bin, ja, ich bin taktlos und geschmacklos,
doch ich habe Geschmack.

Ich trage Rot.
Ich bin der Tod
und trage Rot.
Ich bin der Tod.

Exkurs

Jeder Mensch ist anders und jeder Mensch ist gleich.
Einer ist ein Geldscheich
und errichtet ein Weltreich
ohne einen einzigen Schwertstreich,
der zweite errichtet einen feinen kleinen Deich
um seinen feinen kleinen Gartenteich,
der dritte ist zumindest geistig reich,
der vierte vielleicht scheußlich bleich,
der fünfte mag sein Klopapier weich,
jeder Mensch hat seinen eigenen Lebensbereich.
Ja, die Menschen unterscheidet im Leben echt viel,
Jeder Mensch hat seinen eigenen Lebensstil,
jeder Mensch hat sein eigenes Lebensziel,
Es begehrt und begattet,
es gebärt und bestattet
jeder Mensch nach seinen Gaben
und dem eigenen Bestreben,
ja, die Menschen haben
ganz unterschiedliche Leben,
ganz unterschiedliche Leben,
ganz unter unter unter unterschiedliche Leben.
Ja im Leben sind die Menschen alle gleich verschieden,
erst im Sterben werden die Verschiedenen gleich.

Exkurs Ende.

Heutzutage sterben die Menschen allein.
Drum geh ich sehr gerne ins Altersheim,
dort sack ich dann das Dutzend auf einmal ein,
besuche die, die sonst keiner besucht,
der Ort wird bei den Menschen als verrucht verflucht.
Hier packen sie ihre Alten rein
und vergessen, selber mal alt zu sein.

Neulich fand ich eine Oma,
die lag schon halb im Koma
und verströmte ein Aroma,
als sei sie bereits tot.
Ich nahm ihr ihre Not
und gab ihr meine Hand.
Ich hatte ihr noch nicht mal meinen Namen genannt,
doch sie verstand
und folgte dem Gebot.
Es gab nichts, was sie band.
Ihr Feuer war verbrannt.
Ihr Mann war in die Arme einer anderen gerannt,
Und auch mit ihren Kindern war sie nicht mehr verwandt.
Die sahen ihr Verderben
mit Freudentränen an,
das war ihr gut bekannt;
sie wollten sie beerben,
doch muss ein Mensch erst sterben,
bevor man erben kann.

Jetzt
bildet sich hier vielleicht einer ein,
es sei moralisch nötig, „Nein“ zu schrein,
so gierig zu sein,
das sei moralisch klein,
und dabei streichelt er fein
seinen eigenen kleinen Heiligenschein.
Er meint die Schweinerein der andern zu verzeihn,
dabei scheint er allein das gemeinste Schwein zu sein.
Ich denke, hör auf zu schrein,
und pack ihn in mein Säcklein rein.
Ich bin der Tod,
ich trage rot.

Dem nächsten ist Moral
dagegen ganz egal,
er ist ein Egoist
Er zählt das Geld,
das er erhält,
wenn er sich vor dem Chef verstellt,
und ist ein Held
in einer Welt,
die längst schon nicht mehr magisch ist.
Was nicht sehr tragisch ist,
weil er als Egoist eh sehr prosaisch ist.
Zur Hinterlist
neigt er,
dabei besteigt er
die Karriereleiter
immer weiter.
Und wenn die Weltenpfeiler
krachen, schreit er
weiterzumachen, und alle machen weiter,
heiter zu lachen, und alle lachen heiter.
Er selber lacht vor Macht, er hats zum Drachenreiter
gebracht,
doch er vergisst – was tragisch ist –,
dass die Welt nun mal nicht magisch ist,
und dass der Drache, wenn er auch prosaisch ist,
am Ende doch den Reiter frisst.

Der Herzinfarkt trifft ihn sehr schwer,
es ist der fünfte ungefähr.
sein Herzschrittmacher machts nicht mehr.
Er mag auch laut um Hilfe schrein,
Man hört ihn nicht, er stirbt allein.
Mags Schicksal oder Zufall sein,
ich pack ihn in mein Säcklein rein.
Ich bin der Tod.
Ich trage rot.

Exkurs

Jeder Mensch ist anders und jedes Leben gleich:
Mal traurig und mal schaurig,
mal vorzüglich und vergnüglich,
mal schicklich, mal erquicklich,
mal glücklich und entzücklich,
mal gütlich und gemütlich,
mal betrüblich und bedrücklich,
mal beschaulich und erbaulich,
mal vertraulich, mal verdaulich,
mal gräulich und abscheulich,
mal herrlich und begehrlich,
mal entbehrlich und beschwerlich
bisweilen ehrlich
unerklärlich gefährlich,
mal schmerzlich und mal herzlich,
mal hässlich, sogar grässlich,
mal schrecklich, mal erklecklich,
mal unerträglich kläglich,
mal verdrießlich, mal ersprießlich,
mal zierlich und manierlich,
mal leidlich gedeihlich.
mal unverzeihlich peinlich.
mal unwahrscheinlich reinlich,
gewöhnlich unversöhnlich,
unzulänglich und vergänglich
und am Ende immer tödlich.

Exkurs Ende

Da seh ich dich
in deinem schönsten, roten Kleid.
Du liegst auf dem Perserteppich,
deine Augen liegen ganz entsetzlich
verdreht in ihren Höhlen, tot.
Der Augenblick ist unvergesslich.
Dein Kleid ist rot.
Die Nadel steckt noch in der Vene drin.
Dein Blick wird niemals wieder klar.
Falls er es denn jemals war.
Erbrochenes umrahmt dein Kinn.
Deine Wangen rahmt dein Haar.
Auch dein schönes Kleid ist hin.
Nun stirbst du, schöne Sängerin.
Die ganze Welt hat dich verehrt,
hat dich begehrt,
gab sich dir hin,
hat dir nicht einen Wunsch verwehrt,
doch war die Zuneigung verkehrt
und kein Geschenk war auch Gewinn.
Sie hat dich nie gelehrt,
was Liebe ist, was Lebenssinn.
nur immer deinen Ruhm vermehrt.
Sie gab dir alle Zeit nur Leid,
So hat sich die Betrügerin
an deiner Brust genährt
mit falscher Freundlichkeit,
und dich mit echter Falschheit aufgezehrt.
Nun stirbst du, schöne Kriegerin,
du siegtest alle Zeit,
und warst doch niemals Siegerin,
nun hab ich dich befreit.

Nun steh ich hier
bei dir
und denke mir:

Ich bin der Tod.
Ich bin der Tod.
Und manchmal wär ich gerne bloß
ein einfacher Idiot,
nicht klug, nicht schön, nicht groß,
mein Handeln ganz bedeutungslos.
Vielleicht ein Angler auf nem Boot,
vielleicht nur auf nem Floß,
Ich äße abends Fisch und Brot
und alles wär im Lot.
Ach, sollen die Menschen doch ohne Not
leben.

Mein nächster Kandidat
ist ein Soldat
und Kind zugleich.
Die Augen hart,
die Züge zart,
die Wangen weich.
Ich sage bloß:
Steh auf, geh los
und lebe.
Und er steht auf, geht los,
tut einen Schritt
und tritt
auf eine Mine.

Ich bin der Tod.
Ich trage Rot.

3 Gedanken zu “Ich bin der Tod

  1. Nach nunmehr einigen Poetry Slams muss ich sagen, dies ist immer noch der in meinen Augen/Ohren beste Vortrag, den ich je gehört habe. Inhaltlich richtig intensiv und die Art des Vortragens – perfekt.

    Ich glaube, man wird noch einiges von dir hören und lesen.

    Oder hören und sehen – auf das uns selbiges vergeht…:-))

    Danke dafür und schöne Grüße

  2. Pingback: e-Thieme » Blog Archive » Februar-Slam 2011: Eine Bootsfahrt die ist lustig

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