2.10.2013Keine Kommentare

39. und damit letztes Kapitel!

Gemeinsam mit Schulklassen und japanischen Reisegruppen, mit Franzosen und Amerikanern, gemeinsam mit der halben Welt stand ich in der Schlange vor dem Reichstag. Unzählige Absperrbänder waren gespannt, regelten den Ansturm. Überall standen Schilder voller Regeln und Verhaltenshinweise, Uniformierte eilten umher, Lautsprecherdurchsagen wummerten durch die Wolke von Touristengeschwätz. Die Verwaltungsmaschinerie funktionierte reibungslos. Noch.

30.09.2013Keine Kommentare

38. Kapitel

Anderthalb Stunden später hatte ich bis auf ein einziges Tape alles verkauft; viertausend Platten und mehrere Kisten Kassetten. Bekommen hatte ich dafür ein Bündel Geldscheine und Laptop-Boxen. Ich fühlte mich schmutzig.

28.09.2013Keine Kommentare

37. Kapitel

Er wolle mir echt erzählen, da komme eine verzweifelte Hausfrau, spreize Arme und Beine nach Hilfe aus, und er versage sie ihr?
Missbilligung grub sich in Benes Gesicht; es seien nun mal nicht alle so verdorben wie ich.
Ach ja? Als ob ich das einzige schwarze Schaf in einer Herde keuscher Lämmer sei. Ob er das wirklich glaube?
Ganz und gar nicht. Er schüttelte vehement den Kopf. Er glaube vielmehr, dass wir in einem Rudel Wölfe lebten – und er der einzige Vegetarier sei. Saskia habe ihm das gesagt, als sie Schluss gemacht habe.
Dann solle er eben Fleisch essen.

26.09.2013Keine Kommentare

36. Kapitel

Maria schien meine mangelhafte Unterstützung nicht zu stören. Eher schien sie ein Ventil für ihre Enttäuschung zu brauchen, einen Zuhörer für ihre Sorgen. Und zuhören konnte ich ganz gut. Für den Rest der Fahrt beschränkte ich mich darauf, bisweilen einen Laut des Interesses von mir zu geben, während aus Maria die Worte heraussprudelten wie aus einer gut geschüttelten Flasche frischen Kummers.
Als wir vor meiner Wohnung hielten, fragte sie, ob sie noch mit raufkommen dürfe.

24.09.2013Keine Kommentare

35. Kapitel

Eine Weile tranken wir still. Ich musterte meinen Bruder. Er sah müde aus. Je länger ich ihn ansah, desto müder wurde auch ich selbst. Nicht wegen der vorgerückten Stunde, es war mehr als das. Die Erschöpfung nach einer Überdosis Leben.
Eine Ironie, dass Jonathan sich immer auf die Arbeit gestürzt hatte, während ich versucht hatte, sie so weit wie möglich zu vermeiden – und jetzt saßen wir hier und tranken beide aus derselben Flasche den gleichen billigen Fusel.

22.09.2013Keine Kommentare

34. Kapitel

Deckung hoch!, rief Tarek.
Ich konnte es nicht mehr hören. Ich konnte Svens angstverzerrte Visage nicht mehr sehen. Es war eine Farce. Ich ertrug es nicht mehr. Ich erhöhte das Tempo meiner Angriffe, Sven wich zurück, die Seile hielten ihn auf. Ich hieb auf seine Deckung ein, bis sie fiel. Vor mir stank der Auswurf einer Gesellschaft, die sich am Reichtum überfressen hat. Ich schlug zu. Der Ringrichter rief Break!
Aber ich hatte gerade erst angefangen.

20.09.20131 Kommentar

33. Kapitel

Vielleicht waren Beerdigungen gar nicht so schlimm. Noch mehr als dem Essen allerdings verdankte ich diesen Eindruck Sophie; sie hatte sich ein schwarzes, hautenges, knöchellanges Kleid angezogen, außerdem dezentes Make-up aufgetragen, von ihren hochgesteckten Haaren fiel ein Halbschleier, der ihr gerade über die Augen reichte. Mit dieser Frau wurde Trauer zu einem ästhetischen Erlebnis.

18.09.2013Keine Kommentare

32. Kapitel

Das Schlimmste an Kindern ist, dass sie Erwachsenen das Versprechen auf eine Zukunft machen. Als ob das menschliche Leben an Bedeutsamkeit gewönne, werde es auch in Zukunft durchlebt. Doch wenn das eigene Scheitern sich abzuzeichnen beginnt, bleibt nur die Hoffnung auf die, die zum Scheitern noch gar nicht die Zeit hatten.

16.09.2013Keine Kommentare

31. Kapitel

Mein Gehirn war eine Müllhalde. Der einzige Gedanke, den
ich zu fassen in der Lage war, betraf das Blümchenmuster auf Svens
Sessel; es war echt hässlich. Als ob es irgendeinen Unterschied bedeutet
hätte. Verloren standen wir da, von aller Sprache verlassen.

14.09.2013Keine Kommentare

30. Kapitel

Unsere Hütte war nicht weit, auch mit Gepäck war sie gut zu Fuß erreichbar. Der ganze Ort leuchtete in den Signalfarben von Funktionskleidung, überall stapften Touristen-Grüppchen durch den Schnee; und die Konstellation aus zwei Pärchen schien am häufigsten aufzutreten. Allein der Umstand hob uns etwas ab, dass wir vermutlich die Einzigen waren, die vorm Zubettgehen nicht das Gebiss herausnehmen mussten.

© Lucas Fassnacht