Mitten im Leben

Er stand mitten im Leben
und doch auch nur daneben,
im Bestreben zu schweben
blieb er doch stets am Boden kleben,
sein Leben sollte beben,
doch es wollt kein Beben geben.
Da hat er sich verliebt.

Aber wenn sich zwei Leben
in Liebe krass verweben,
können sie sich eben
am Lieben krass verheben –
die Geschichte geht so:

Er wohnte am Schlachthaus, der Bahnhof war nah.
Die Stadt war nicht groß und sie war auch nicht klein,
Doch im Grunde gefiel sie ihm so, wie sie war.
Die Wohnung war schlicht, er wohnte allein,
Besuch war eher selten mal da.
Donnerstags trank er im Kegelverein.
Er hatte auch mal eine Freundin. Ein Jahr.
Doch Frauen schienen nicht seins zu sein.

Seiner Arbeit war er nur mäßig verbunden,
er trug das städtische Abendblatt aus,
doch half sie ihm leidlich über die Runden,
So zog er stets wieder von Haus zu Haus,
stets wieder bebellt von denselben Hunden.
Nur verschiedene Töne desselben Graus.
Und hätte er nicht das Mädchen gefunden,
Er wäre wohl aus diesem Trott nie heraus.

Doch ihr Freund war ein Boxer.

Sie saß auf der Treppe vor der alten Fabrik
In einem geblümten, einfachen Kleid.
Und wie er die Stufen hinunterstieg,
Traf ihn ein Blick voller Einsamkeit,
Voller Hoffnung und Angst, und Liebe und Krieg.
Ein Grauen machte sich da in ihm breit.
Sie senkte die Augen, saß da und schwieg.
Er floh voll Sehnsucht und Liebe und Leid.

Er konnte sich dem Gefühl nicht entziehn,
das das Mädchen in ihm geweckt.
Bis in den Schlaf verfolgte sie ihn.
Er hatte die Tiefe des Lebens geschmeckt.
Als sie am nächsten Tag wieder erschien,
War er geradzu glücklich erschreckt.
Und konnte doch wieder nur angsterfüllt fliehn,
Kaum hatte ihr Auge das seine entdeckt.

Und ihr Freund war ein Boxer.

So ging es fünf Tage, er war wie gebannt,
sich sehnend verzehrend in dunklem Drange,
Am sechsten führte sie ihn an der Hand
In die Fabrik. Er folgte ihr bange.
Als er im Dunkel der Halle stand,
Löste sie an ihrem Kleid eine Spange,
da glitt es raschelnd hinab in den Sand.
Vorsichtig sucht ihre Hand seine Wange.

Als sie sich küssend zueinander neigen,
Erzittern sie wie Saiten zweier Geigen,
Die gleich gestimmt der selbe Ton zum Schwingen bringt.
Und ihre Körper klingen still in einem Schweigen,
Das tiefer noch als alle Laute dringt.

Ihr Freund war ein Boxer.

Er folgte ihr täglich in die Fabrik.
Trank aus ihren Augen den köstlichsten Tau.
Zu welchen Höhen er mit ihr stieg!
Er taumelte aus dem verfallenen Bau,
Um ihn Farben, um ihn Musik,
Um ihn der Duft von Leben und Frau.
Dann ist es vorbei; sie weinte und schwieg.
Ihr Blick war starr, ihr Auge war blau.

Er fragte nicht nach dem, was geschehen.
Oder was sie noch zu dem anderen triebe.
Er konnte es in ihren Augen sehen:
Die Angst, wenn sie bei jenem nicht bliebe,
So müsste sie sich eingestehen,
Dass all der Schmerz und die Hiebe
Umsonst gewesen, trotz Bitten und Flehen.
Er sagte einzig, dass er sie liebe.

Er will fliehen mit ihr, egal wohin.
Da weint sie und nickt und blickt ihn stumm an.
Sie verabreden sich für Tagesbeginn.
Er wartet auf sie, sie ist spät dran.
Er wartet und raucht und reibt sich das Kinn.
Er wartet, er weiß es, sie kommt irgendwann.
Er wartet vergeblich, es hat keinen Sinn.
In der Zeitung liest er es später dann.

Ein Boxer habe sich Dienstagnacht,
nachdem er seine Verlobte erstochen,
mit selbigem Messer umgebracht.
Laut Nachbarin sei schon seit Wochen,
habe nur einer den Mund aufgemacht,
bei dem Pärchen ein Streit ausgebrochen.
Die Polizei zöge als starken Verdacht,
nachdem sie mit weiteren Zeugen gesprochen,
Eifersucht als Motiv in Betracht.

Dies war alles, was in dem Artikel stand.
Er legte die Zeitung aus der Hand
und weinte.

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